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Über das Forschen an sich

Echte Geschichtsforschung mit SchülerInnen ist einerseits mit ähnlichen Frage- und Problemstellungen konfrontiert, wie die Feldforschung der „echten“ Historiker, teilweise aber auch mit ganz anderen. Das Forschen im eigenen sozialen Umfeld ist in beiden Fällen eine Gratwanderung. Man muss ja auch in diesem sozialen Umfeld weiter leben und arbeiten können. In der Praxis wurden (und werden) meine Schülerinnen und Schüler bei diesem wie bei vorangegangenen Projekten gerne mal mit der „Unfähigkeitsvermutung“ konfrontiert. SchülerInnen als kritische HistorikerInnen, die kritisch wissen und nachfragen, das ist nicht jedem geheuer. Hier bietet der Oral History Zugang, gerade wenn er über die engere Verwandtschaft läuft, einen deutlich sanfteren Einstieg in die Welt der forschenden Zunft.

Das wissenschaftliche Setting – Forschen mit SchülerInnen

Ausgehend von der Fragestellung gliederte sich unser Vorhaben, recht holzschnittartig gesprochen, in zwei elementare Teilbereiche. Diese waren der Bereich der „reinen Forschung“ und jener der Dokumentation. Grundlegend umrahmt wurden diese beiden Schwerpunkte von dem, was ich flapsig als „Basisbildung zum Thema“ bezeichnen darf. Mit der Hoffnung, „dem Zeitzeugen ein Mikro unter die Nase zu halten, in der berechtigten Hoffnung, es werde dann schon ein lebensgeschichtliches Interview daraus entstehen“ (© Meinrad Ziegler), war es diesmal nicht getan. Weder bildete die mündlich tradierte Erinnerung den Kernpunkt des diesjährigen Projektes, noch war es uns möglich, ganz ohne Vorbildung an die Quasi-Tagebücher des Zeitzeugen heranzugehen. Gerade die hohe Strahlkraft, die geschliffene auf Wirkung bedachte Rhetorik des Ferdinand Brunnbauer, machte diese Vorarbeiten zur grundlegenden conditio sine qua non. Das machte leider die für historisch unterfütterte Schulprojekte so wichtige, weil motivierende „Grabe, wo du stehst“ Zugänge unmöglich. Vor dem Forschen kam das Lernen. „Business as usual“ für die kids und damit weniger anziehend im Vergleich zu einem familieninternen Gespräch mit den Großeltern. Will man „Oral History“ aber weitertragen als es die Grenzen der Familiengeschichte erlauben, ist der Schritt alternativlos.
SchülerInnen sind sehr flexibel und gewöhnen sich nach kurzer Einarbeitungszeit an die wesentlichsten Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens. Was dem Fortlauf solcher – doch umfassenderen Projekte – mehr hinderlich ist als die geschichtliche Fragestellung, ist die Begrenzung auf die in der Schule gängigen 50 Minuten Einheiten. Folgerichtig hat sich im Laufe des Projektes daher eine kleine Gruppe von Schülern aus der unterrichtlichen Erarbeitung des Themas ausgeklinkt und intensiv in der Freizeit am Brunnbauer Thema zu arbeiten begonnen. Immer wieder an den Nachmittagen, mehrmals in den Ferien und teilweise bis in den späten Abend: Das war die Zeitstruktur dieser Gruppe. Nie vergessen werden wir den Blick jener älteren Frau, als sie am Stefanietag fünf Schüler und einen Lehrer in die Schule eindringen sah... Solche Tage gab es viele und am Ende des Ganzen hatte sich eine ganze Deutschgruppe einen Monat und ein „Kernredaktionsteam“ von vier Schülern dreieinhalb Monate mit dem Thema beschäftigt.


Die Frage des Zitierens…

…ist eine oftmals gestellte. Meine Erfahrungen aus den vergangenen beiden größeren Projekten zur Rieder Lokalgeschichte hat mich gelehrt, Abstriche bei der Zitationsgenauigkeit in Kauf zu nehmen. Auch wenn dieses „Feintunning“ auf universitärer Ebene ganz zu Recht eine schockierende Ungenauigkeit ist, so ist die für uns normale Art der Zitation ein Arbeitshemmnis, wenn man mit Jugendlichen arbeitet. Das hat vor allem die Frage zwischen dem wörtlichen Zitat und dem inhaltlichen Zitat betroffen. Für diese Arbeit wurde diese Unterscheidung eliminiert, wörtliche Zitate sind über Anführungszeichen kenntlich. Auch der Unterschied zwischen einem Herausgeber Zitat und einem Autorenzitat fiel dieser Vereinfachung zum Opfer.

Die Frage der eigenen Meinung…

…eine andere. Ausgebildete HistorikerInnen beherrschen es meist gut, das erörternde Hin- und Her der gepflegten Argumente. Jugendliche reagieren auf historische Quellen oft mit viel größerer emotionaler Betroffenheit. Sie sehen sich quasi vielmehr im beforschten Feld drinnen und haben nicht über die Zeit und das Alter diese kühle Distanz, die sich bei ausgebildeten Historikern oft findet. Junge Leute sind viel eher in einer historischen Betroffenheit daheim, gerade wenn sie eine Geschichte der Geschichte (um das so salopp zu sagen) wirklich interessiert. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes und daher werden Sie unter den Rubriken „Eigene Meinung“ ebendieses finden: Persönliche Aussagen. Davon abzutrennen sind die Sachteile der Forschungsergebnisse. Historikerinnen - auch jugendliche - haben sich hier an die Quellen und den roten Faden der geschichtlichen Erzählung zu halten.

Unsere Arbeitsgruppen

Kindheit/Jugend:
Die Jugend in Emling und die Jahre in Weikersdorf im Mühlviertel. Die erste Sozialisierung des jungen Brunnbauers zum bekennenden Nationalsozialisten. Sie wurde von drei Schülergruppen bearbeitet.

Der Weg zurück:
Wie der „Glasenbacher“ Rückkehrer ab 1948 in Ried ins zivile Leben zurückkehrt und Karriere macht. Eine Schülergruppe hat diese sehr dichte Zeitepoche erarbeitet.

Die Kurrentschrift:
Da sich im Nachlass von Ferdinand Brunnbauer etliche interessante Kurrentbriefe fanden (in der Mehrzahl Briefe des Jugendfreundes und Schwagers Toni Wagner an ihn), erlernten zwei Schüler die Kurrentschrift und haben uns einige Briefe exemplarisch übersetzt und interpretiert.

Die Außenbeziehungen:
Das betraf vor allem die Kontakte nach Gallneukirchen (Weikersdorf ist eine Ortschaft davon), wo Brunnbauer in den 30er Jahren wirkte. Eine Schülerin übernahm diese Aufgabe.

Die Rolle des Lehrers:
Dieses Projekt war ein Projekt jugendlicher Forscher. Neben den Hilfestellungen zum wissenschaftlichen Arbeiten, der Organisation von Kontakten und dem Einblick in Archivalien gab es von mir wenig Hilfstellung. Zwei Ausnahmen davon wurden gemacht: Bei der Erklärung lehrereigener Archivquellen (Materialiensammlung Eichsteininger) und bei einigen wenigen Artikeln, bei denen ich neben ortografischer Hilfe auch stilistisch hilfreich war. In diesen wenigen Fällen habe ich und die Jugendlichen gemeinsam gearbeitet. Diese Beiträge sind mit „TEAM“ klar gezeichnet.

Die Öffentlichkeit und das Netz:
Eine sehr engagierte, weil intensive Arbeit, war das Erstellen multimedialen Website zum Thema. Unter www.ferdinandbrunnbauer.at wurde ein Internetauftritt geschaffen, abseits der altbackenen Zugänge vieler Schulwebsites, mit den Methoden des Web 2.0. Auch die Facebookvernetzung, ohne die es derzeit nicht zu gehen scheint, ist vorhanden. Darüber hinaus besticht die Site mit kurzen Wegen und den Möglichkeiten der schnellen Informationserschließung. Die Website ist eine Einzelleistung unserer Schülerin Silvia Humer. Mehr unter: www.ferdinandbrunnbauer.at

Die Interviews:
Erweitert wurde unser Blick auf den Protagonisten durch zwei längere Interviews (im Falle der Tochter von Ferdinand Brunnbauer, Stranziger Herta lebensgeschichtlich), die zwei unserer SchülerInnen führten, transkribierten und interpretierten. Da Arbeiten zur Oral History an unserer Schule eine lange Tradition haben, konnten wir auf grundlegende Vorarbeiten zurückgreifen.